Portrait

Eindrücke vom ersten Kongress der Digitalen Nomaden Schweiz

Business meets Lonely Planet

 

Eng ist es an jenem Donnerstagnachmittag im Impact Hub Bern, einem Coworking Space mitten in der Berner Altstadt. Rundum ertönt jenes Kauderwelsch aus Umgangssprache und business-englischen Fachbegriffen, welches die heutige Geschäftswelt dominiert. Das Publikum besteht aus Erwachsenen jeden Alters mit einer Dominanz der rund Dreissigjährigen, wohl ein Drittel Frauen und zwei Drittel Männer. Die Stimmung ist aufgekratzt. Es dominiert jene etwas aufgeklebt wirkende permanente «Gut-drauf-sein»-Attitüde, ohne die man heutzutage im Berufsleben keinen Stich zu haben scheint. Griesgrame können keine fähigen Berufsleute sein. Und so, wie man sich hier von der Schokoladenseite zeigt, wird vorerst auch das Phänomen des digitalen Nomadentums, das man hier verhandeln will, beschönigt: Glückliche jugendliche Menschen sitzen wahlweise im Urwald, auf einer Sanddüne während eines Sonnenuntergangs oder auf einem Segelboot und schmachten verliebt in einen Laptop-Screen. Solche Bilder sind natürlich Blödsinn. Im Urwald hat man selten eine Netzverbindung, Sand ist suboptimal, wenn er in Tastatur und Anschlussbuchsen dringt und wer schon mal im mediterranen Sonnenschein sein Tablet aufgestartet hat, weiss, dass dann das Display auch bei hellster Einstellung ein nur mühsam zu entzifferndes Bild anzuzeigen in der Lage ist.

Aber diese Bilder visualisieren eine Weiterentwicklung der dezentralen Arbeitsform, die durch Computerarbeitsplätze und die Onlinewelt grundsätzlich möglich geworden ist. Wenn Menschen im Home-Office flexibel für eine Arbeitgeberin arbeiten und lediglich für Meetings in der Firma aufkreuzen müssen, können sie grundsätzlich ihre Aufgaben überall auf der Welt erledigen und Meetings sind heutzutage schliesslich auch via Videokonferenzen möglich.

Die Welt kennenlernen und gleichzeitig Geld verdienen

Die Vorteile des digitalen Nomadentums liegen auf der Hand. Man kann Geld verdienen und gleichzeitig die Welt kennenlernen. Und man kann die eigentliche Arbeitszeit massiv reduzieren, wenn man industriegesellschaftliche Stundenansätze verrechnen, gleichzeitig aber von den Lebenshaltungskosten von Schwellen- und Tieflohnländern profitieren kann. Die meisten digitalen Nomaden arbeiten projektorientiert, sind also Freelancer oder schliessen befristete Arbeitsverträge ab. Interessant wäre auch, wenn man mit Menschen anderer Kulturen zusammenarbeiten und je nachdem mithelfen könnte, deren Lebensqualität zu verbessern. Das heisst, sofern man dies auch tun und nicht nur mit anderen Europäern und Amerikanern in Coworking-Spaces und einschlägigen Lounges abhängen würde. An der Tagung gab es Beispiele in beide Richtungen.

Diese erste Konferenz der Digitalen Nomaden Schweiz gab vorerst mal einen groben Hinweis, welche Berufsfelder nomadisierend verfolgt werden können: Blogging, Coach services, Event organization, Graphic design, Influencing, Multimedia, Programming, etc. Und sie gab praktische Tipps: Z.B. nicht zu oft den Wirkungsort zu wechseln, da man sich an einem neuen Ort erst orientieren müsse und deshalb vorerst gar nicht zum Arbeiten komme. Oder es wurde mit den Sanddünen- und Sonnenuntergangsbildern aufgeräumt mit dem Rat, die Arbeit und das Erleben der exotischen Umgebung strikte zu trennen, denn für die Arbeit brauche es vor allem Ruhe und Konzentration. Und frisch ab Studien- oder Lehrabschluss sollte man das Reiseleben auch nicht gleich beginnen, denn etwas Berufserfahrung und einen gewissen Kundenstamm braucht es für einen erfolgreichen Start schon.

Ob es ein Vor- oder Nachteil ist, dass man Besitztümer auf ein Minimum reduzieren muss, um für das Wanderleben flexibel genug zu sein, muss jede und jeder je nach Neigung beantworten. Die an der Konferenz auftretenden Referentinnen und Referenten (als Speakers bezeichnet) sprachen von einem kleinen Rucksack für das Büro (Laptop, Zubehör und weiteres Arbeitsmaterial) sowie je nachdem einem Rucksack bis zu mehreren Koffern für Kleider und persönliche Dinge.

Neue Herausforderungen für Verbände und Gewerkschaften

Etwas völlig Neues ist das nomadisierende Arbeiten ja auch wieder nicht. Bei auswärtigen Diensten, in der Entwicklungszusammenarbeit und bei Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten von Medien ist es durch die Berufsform gegeben. Irgendwie erinnert die Ideologie der digitalen Nomaden an die Zimmerleute-Gesellen auf der Walz. Einfach ohne Hut und schwarze Schlaghosen. Neu sind durch die Digitalisierung Möglichkeiten geworden, selbständig oder für verschiedene Arbeitgeber tätig zu sein. Und so stellen sich dann Fragen nach der Bereitschaft von Personalverantwortlichen, auf solche Arbeitsformen einzugehen. Oder Fragen zu Sozial- und weiteren Versicherungen. Die AHV kennt für Versicherte den Status «Weltenbummler», aber wird dieser Status den Gegebenheiten gerecht? Ewige Globetrotter dürften wohl die wenigsten Digitalen Nomaden bleiben. Ein unstetes Leben ist vermutlich für die meisten auf die Dauer wenig vereinbar mit ernsthaften Beziehungen und Bindungen. Spätestens, wenn man eine Familie gründen und Kinder haben will, wird es schwierig, insbesondere wenn der Nachwuchs eingeschult werden sollte. Doch sobald man sich irgendwo wieder dauerhaft niederlassen will werden bestimmt neue Probleme auftauchen, die gelöst sein müssen.

Syndicom hat die erste Konferenz der Digitalen Nomaden Schweiz vorerst mal mit einem spendierten «Apéro riche» unterstützt. Nun muss sie sich fragen: Welche Angebote können wir als Gewerkschaft beispielsweise Digitalen Nomaden zur Verfügung stellen? Und wollen wir solche überhaupt entwickeln? Noch konzentrieren sich viele Gewerkschafter ausschliesslich auf das Aushandeln von Gesamtarbeitsverträgen und bezeichnen dies als ihr Kerngeschäft. Doch müssten auch sie zur Kenntnis nehmen, dass sich die Blue-Collar-Arbeitswelt auflöst und je länger je weniger als Identitätsmodell taugt. Prekäre Arbeitsverhältnisse betreffen aber nämlich auch Menschen im Coworking-Space. Die Gewerkschaften müssen deshalb ihre Kernprinzipien von Solidarität und Internationalität dringend auf die neuen Gegebenheiten aufdatieren, müssen insbesondere dem gewachsenen Bedürfnis ihrer Mitglieder nach Individualität Rechnung tragen, sonst werden sie unweigerlich selbst zu Auslaufmodellen.


Christof Berger, November 2018

 

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